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Von Daniel Burrichter 8 Minuten Lesezeit

Wärmepumpe im Bestand: der Test, der über die Wirtschaftlichkeit entscheidet

Nicht das Baujahr entscheidet, ob sich eine Wärmepumpe lohnt, sondern die erreichbare Vorlauftemperatur. Wie Sie das an einem kalten Wintertag selbst herausfinden — kostenlos.

„Wärmepumpen funktionieren nur im Neubau” — dieser Satz ist so verbreitet wie ungenau. Er verwechselt Ursache und Begleitumstand. Entscheidend ist nicht das Baujahr, sondern die Temperatur, mit der die Heizung das Haus warm bekommt.

Warum die Vorlauftemperatur alles bestimmt

Eine Wärmepumpe hebt Wärme von einem niedrigen auf ein höheres Temperaturniveau. Der Aufwand dafür wächst mit der Differenz. Das ist keine Frage der Gerätequalität, sondern Thermodynamik — und die lässt sich nicht durch besseres Marketing umgehen.

WärmequelleVorlauf 35 °CVorlauf 45 °CVorlauf 55 °C
Luft/Wasser4,03,42,8
Sole/Wasser4,54,03,4
Wasser/Wasser5,04,43,8

Erwartbare Jahresarbeitszahlen, Erfahrungswerte.

Die Tabelle enthält eine Aussage, die häufig übersehen wird: Eine Luft-Wärmepumpe bei 35 Grad Vorlauf schlägt eine Sole-Wärmepumpe bei 55 Grad. Die Absenkung der Vorlauftemperatur bringt mehr als der Wechsel auf die deutlich teurere Wärmequelle — und kostet in der Regel weniger.

Wer im Bestand über eine Wärmepumpe nachdenkt, sollte deshalb nicht zuerst fragen, welches Gerät, sondern: Wie weit komme ich mit der Vorlauftemperatur herunter?

Der Test, der nichts kostet

Diese Frage lässt sich beantworten, bevor irgendein Angebot eingeholt wird. Sie brauchen dafür nur einen kalten Wintertag und Zugang zur Heizungsregelung.

So gehen Sie vor:

  1. Warten Sie einen Tag mit Außentemperaturen um den Gefrierpunkt oder darunter ab.
  2. Notieren Sie die aktuelle Vorlauftemperatur der Heizung.
  3. Senken Sie die Heizkurve so ab, dass der Vorlauf etwa 50 Grad erreicht.
  4. Öffnen Sie alle Thermostatventile vollständig.
  5. Warten Sie einen vollen Tag ab und prüfen Sie jeden Raum.

Bleibt es überall behaglich, ist eine Wärmepumpe realistisch — und zwar ohne weitere Sanierung.

Werden einzelne Räume kalt, wissen Sie jetzt genau, welche. Meist sind es zwei oder drei Zimmer mit unterdimensionierten Heizkörpern. Deren Austausch kostet einen Bruchteil einer Fassadendämmung und löst das Problem oft vollständig.

Bleibt das ganze Haus kalt, ist die Gebäudehülle das Thema. Dann geht die Dämmung vor der Heiztechnik.

Dieser Test ersetzt keine Fachplanung, aber er beantwortet die wirtschaftlich wichtigste Frage vorab — und er kostet nur einen Handgriff und einen Tag Geduld.

Die Heizlast: warum größer nicht besser ist

Die zweite zentrale Größe ist die Heizlast, also die Leistung, die am kältesten Tag gebraucht wird. Als Überschlag lässt sie sich aus Wohnfläche und Baualter abschätzen:

BaujahrW/m²140 m² ergeben
Vor 1958, unsaniert18025,2 kW
1969 bis 197815021,0 kW
1984 bis 199410014,0 kW
1995 bis 20018011,2 kW
2002 bis 2009608,4 kW
Ab 2016 oder saniert354,9 kW

Diese Werte sind Erfahrungswerte mit erheblicher Bandbreite. Für die tatsächliche Auslegung ist eine raumweise Berechnung nach DIN EN 12831 erforderlich, die je nach Gebäude um bis zu 30 Prozent abweichen kann.

Zu groß ist dabei schädlicher als knapp bemessen. Eine überdimensionierte Wärmepumpe erreicht ihre Zieltemperatur schnell und schaltet ab. Kurz darauf schaltet sie wieder ein. Dieses Takten belastet den Verdichter, kostet Effizienz und verkürzt die Lebensdauer. Modulierende Geräte mildern das, haben aber ebenfalls eine untere Leistungsgrenze.

Wenn ein Angebot deutlich über dem Überschlagswert liegt, lohnt die Nachfrage nach der Berechnungsgrundlage.

Was der Kostenvergleich zeigt

Ein Beispiel: 140 Quadratmeter, Baujahr 1996, drei Personen, bisher Gasheizung.

  • Heizlast: 140 × 80 W = 11,2 kW
  • Heizwärme bei 1.900 Vollbenutzungsstunden: 21.280 kWh
  • Warmwasser für drei Personen: 2.400 kWh
  • Gesamtbedarf: 23.680 kWh

Bei Gas mit 11 Cent je Kilowattstunde und 92 Prozent Nutzungsgrad: rund 2.830 Euro im Jahr.

Bei einer Luft-Wärmepumpe mit 28 Cent Strompreis:

VorlaufArbeitszahlStromverbrauchKosten
55 °C2,88.457 kWh2.368 €
45 °C3,46.965 kWh1.950 €
35 °C4,05.920 kWh1.658 €

Bei 55 Grad Vorlauf spart die Wärmepumpe knapp 500 Euro im Jahr — zu wenig, um die Investition in vertretbarer Zeit hereinzuholen. Bei 35 Grad sind es fast 1.200 Euro, und die Rechnung sieht deutlich anders aus.

Derselbe Bau, dasselbe Gerät — nur eine andere Vorlauftemperatur. Das ist der Grund, warum der Test oben so viel wert ist.

Was die Arbeitszahl in der Praxis drückt

Die Tabellenwerte sind erreichbar, aber nicht garantiert. Drei Punkte kosten in der Realität regelmäßig Effizienz:

Zu hohe Warmwassertemperatur. Warmwasser braucht ein höheres Temperaturniveau als die Heizung. Wer es auf 60 Grad fährt, obwohl 50 genügen würden, verschenkt Arbeitszahl. Die Legionellenschaltung ist nötig, muss aber nicht täglich laufen.

Hydraulischer Abgleich fehlt. Ohne ihn müssen alle Räume mit der Temperatur gefahren werden, die der ungünstigste braucht. Der Abgleich ist bei Wärmepumpen keine Option, sondern Voraussetzung.

Heizstab springt zu früh an. Viele Anlagen schalten bei tiefen Außentemperaturen einen elektrischen Zusatzheizstab zu — der arbeitet mit einer Arbeitszahl von 1. Läuft er häufiger als vorgesehen, sinkt die Jahresarbeitszahl deutlich. Ein Blick in die Betriebsdaten nach dem ersten Winter zeigt das.

Die Kombination mit Photovoltaik

Eine Wärmepumpe verbraucht Strom im Winter, eine Photovoltaikanlage liefert ihn im Sommer. Die zeitliche Überschneidung ist geringer, als viele erwarten.

Realistisch deckt eine übliche Hausanlage 20 bis 30 Prozent des Wärmepumpenstroms direkt. Das ist kein Gegenargument — es ist ein Argument gegen überzogene Erwartungen. Wer die Anlage rechnet, sollte den Winteranteil nicht mit dem Jahresmittel verwechseln.

Deutlich wirksamer ist die Kombination in der Übergangszeit: Im März und Oktober läuft die Heizung noch, und die Anlage liefert bereits ordentlich.

Zum Nachrechnen

Der Wärmepumpenrechner verbindet Heizlast, Arbeitszahl und Kostenvergleich in einem Durchgang und weist die Bandbreite der Schätzung aus. Für den Vergleich verschiedener Brennstoffe über die tatsächlich nutzbare Wärme gibt es den Brennstoffrechner.

Quellen und Normen

  • DIN EN 12831 — raumweise Heizlastberechnung, verbindlich für die Auslegung
  • Heizlast-Richtwerte nach Baualtersklasse als Erfahrungswerte mit Bandbreite
  • Jahresarbeitszahlen als Erfahrungswerte je Wärmequelle und Vorlauftemperatur

Passende Rechner