Balkonkraftwerk: die 800-Watt-Grenze und das übersehene Risiko
Was die Leistungsgrenze wirklich bedeutet, warum die Modulleistung höher sein darf — und weshalb der Leitungsschutzschalter unter Umständen nicht schützt.
Steckerfertige Photovoltaikanlagen sind der einfachste Einstieg in die eigene Stromerzeugung: Module an den Wechselrichter, Stecker in die Steckdose, fertig. Diese Einfachheit ist gewollt und rechtlich abgesichert. Sie hat aber eine technische Kehrseite, die in den meisten Anleitungen fehlt.
Was die 800-Watt-Grenze regelt
Die Grenze bezieht sich auf die Ausgangsleistung des Wechselrichters, nicht auf die Modulleistung. Das ist der Punkt, an dem die meisten Missverständnisse entstehen.
Sie dürfen also deutlich mehr Modulleistung installieren — 1000 Watt Module an einem 800-Watt-Wechselrichter sind zulässig und sogar sinnvoll. Der Wechselrichter begrenzt die Einspeisung auf 800 Watt, aber er erreicht diesen Wert dadurch über einen größeren Teil des Tages. Bei bedecktem Himmel und in den Randstunden liefert die Anlage mehr, als sie mit knapp bemessenen Modulen liefern würde.
Diese bewusste Überbelegung nennt sich Überdimensionierung und ist gängige Praxis. Der Ertragsgewinn liegt je nach Ausrichtung bei zehn bis zwanzig Prozent.
Die Meldepflicht
Die Eintragung im Marktstammdatenregister der Bundesnetzagentur ist unabhängig von der Leistung Pflicht und innerhalb eines Monats nach Inbetriebnahme vorzunehmen. Sie ist kostenlos und dauert wenige Minuten.
Die früher zusätzlich erforderliche Anmeldung beim Netzbetreiber ist für steckerfertige Anlagen entfallen — der Netzbetreiber wird über das Register informiert. Auch der Zählertausch ist kein Hindernis mehr: Ein alter Ferraris-Zähler darf übergangsweise weiterlaufen, auch wenn er rückwärts dreht.
Das Risiko, über das kaum jemand spricht
Hier wird es technisch, und hier liegt der Grund, warum dieser Artikel existiert.
Ein Leitungsschutzschalter sitzt am Anfang eines Stromkreises, im Verteiler. Er misst den Strom, der durch ihn hindurchfließt, und schaltet ab, wenn dieser zu lange zu hoch ist. So schützt er die Leitung dahinter vor Überlastung.
Speist ein Balkonkraftwerk in eine Steckdose mitten im Stromkreis ein, entsteht eine Situation, für die diese Anordnung nicht ausgelegt ist: Strom kommt jetzt aus zwei Richtungen. Ein Verbraucher hinter dem Einspeisepunkt kann gleichzeitig aus dem Netz und vom Wechselrichter versorgt werden.
Der Leitungsabschnitt dazwischen führt beide Anteile. Der Schalter im Verteiler sieht davon nur den Netzanteil.
Möglicher Höchststrom = Sicherungsnennstrom + Einspeisestrom
Bei einem B16 und 800 Watt Einspeisung sind das 16 + 3,5 = 19,5 Ampere. Die Sicherung löst nicht aus, weil durch sie selbst nur 16 Ampere fließen.
Wann das kritisch wird
Ob 19,5 Ampere ein Problem sind, entscheidet allein der Leitungsquerschnitt:
| Stromkreis | Belastbarkeit | Möglicher Strom | Bewertung |
|---|---|---|---|
| 1,5 mm² mit B16 | 16,5 A | 19,5 A | kritisch |
| 1,5 mm² mit B10 | 16,5 A | 13,5 A | unbedenklich |
| 2,5 mm² mit B16 | 23,0 A | 19,5 A | unbedenklich |
| 2,5 mm² mit B20 | 23,0 A | 23,5 A | grenzwertig |
Verlegeart B2, Kupfer, 800 W Einspeisung.
Der kritische Fall ist ein Beleuchtungsstromkreis mit 1,5 mm², der mit B16 abgesichert ist. Diese Kombination war jahrzehntelang üblich und ist ohne Einspeisung völlig unbedenklich.
Was hilft
Am Anfang einspeisen. Liegt die genutzte Steckdose direkt hinter dem Verteiler, sieht der Schalter die Summe beider Ströme und schützt wie vorgesehen.
Eigener Stromkreis. Die sauberste Lösung, wenn ohnehin gebaut wird.
Kleinere Absicherung. Ein B10 statt B16 löst das Problem rechnerisch, begrenzt aber die übrigen Verbraucher am Kreis.
Größerer Querschnitt. In der Praxis meist nicht nachrüstbar.
Welcher Weg gangbar ist, hängt von der vorhandenen Installation ab. Der Balkonkraftwerk-Rechner prüft Ihre konkrete Konstellation und zeigt, wo die Grenze liegt.
Schuko oder Wieland
Der Gesetzgeber hat den Betrieb am gewöhnlichen Schuko-Stecker inzwischen ausdrücklich zugelassen. Die Fachverbände empfehlen weiterhin eine spezielle Energiesteckdose, weil bei ihr keine berührbaren Kontakte unter Spannung stehen können, wenn der Stecker gezogen wird — der Wechselrichter braucht einen Moment, bis er abschaltet.
Sicherheitstechnisch ist das ein realer Vorteil. Rechtlich ist beides zulässig.
Was die Anlage tatsächlich einspart
Die Ertragsrechnung wird häufig zu optimistisch aufgestellt. Entscheidend ist nicht, wie viel die Anlage erzeugt, sondern wie viel davon im selben Moment verbraucht wird.
Eine 800-Watt-Anlage erzeugt in Deutschland je nach Ausrichtung zwischen 600 und 900 Kilowattstunden im Jahr. Davon lässt sich nur der Teil nutzen, der zeitgleich anfällt — überschüssiger Strom wird ohne Vergütung ins Netz eingespeist.
| Haushaltstyp | Realistischer Eigenverbrauch |
|---|---|
| Berufstätige, tagsüber außer Haus | 40 bis 55 % |
| Homeoffice oder Familie mit Grundlast | 60 bis 80 % |
| Mit steuerbarem Verbraucher (Warmwasser, Kühlung) | bis 90 % |
Die Grundlast ist der wichtigste Faktor. Kühlschrank, Router, Standby-Verbraucher und Umwälzpumpe ziehen rund um die Uhr zwischen 100 und 250 Watt — dieser Anteil wird zuverlässig gedeckt. Alles darüber hinaus erfordert, dass jemand zu Hause ist und Geräte laufen.
Bei 25 bis 35 Cent je Kilowattstunde und realistischem Eigenverbrauch ergibt sich eine Amortisationszeit von etwa vier bis acht Jahren.
Ausrichtung und Neigung
Die klassische Südausrichtung liefert den höchsten Jahresertrag, aber eine ausgeprägte Mittagsspitze — genau dann, wenn viele Haushalte wenig verbrauchen.
Eine Ost-West-Aufteilung, etwa je ein Modul in beide Richtungen, liefert insgesamt etwa zehn Prozent weniger, verteilt den Ertrag aber deutlich gleichmäßiger über den Tag. Für den Eigenverbrauch ist das häufig die bessere Wahl, weil weniger Überschuss ungenutzt ins Netz geht.
Steile Aufständerung von 60 bis 70 Grad, wie sie an Balkongeländern ohnehin entsteht, verschiebt den Ertrag in die Wintermonate. Der Jahresertrag sinkt, der Winteranteil steigt — was zur Heizperiode passt.
Mietwohnung und Eigentümergemeinschaft
Seit der Änderung des Wohnungseigentumsgesetzes und des Bürgerlichen Gesetzbuchs gehören steckerfertige Solaranlagen zu den privilegierten Maßnahmen. Mieter und Wohnungseigentümer haben grundsätzlich einen Anspruch auf Zustimmung — abgelehnt werden kann nur aus wichtigem Grund, etwa bei denkmalgeschützten Fassaden oder erheblichen baulichen Eingriffen.
Über die konkrete Ausführung darf der Vermieter beziehungsweise die Gemeinschaft dennoch mitbestimmen: Befestigungsart, Optik und Rückbauverpflichtung sind verhandelbar, das Ob im Grundsatz nicht mehr.
Quellen und Normen
- VDE-AR-N 4105 — Erzeugungsanlagen am Niederspannungsnetz
- DIN VDE 0100-712 — Photovoltaik-Stromversorgungssysteme
- Marktstammdatenregisterverordnung — Meldepflicht